Die Angst der Männer – gesellschaftliche Ursachen

Ein Artikel über die Ängst der Männer und die gesellschaftlichen Ursachen. Geschrieben von Arne Hoffmann, Maximilians Co-Autor der Werke “Der perfekte Eroberer” und “Das Gesetz der Eroberung”.

Als ich nach dem Steuerskandal Alice Schwarzers in meinem Blog Genderama auf eine Wortmeldung des Medienanwalts Ralf Höcker verlinkte, der argumentierte, Schwarzers Steuerprobleme seien kein Thema für die öffentliche Berichterstattung, erhielt ich von einem meiner Leser verärgerte Post. Schwarzer müsse sich auch deshalb einen Einblick in ihre, naja, “privaten” Angelegenheiten gefallen lassen, weil die von ihr propagierte Ideologie auf das Privatleben zahlloser Männer und Frauen so verheerende Auswirkungen gehabt habe.

“Wenn ein Mann, aus Angst sexuell zu belästigen sich nicht traut, eine Frau anzusprechen, dann ist er Opfer dieser kranken Ideologie geworden”, schreibt mir mein Leser. “Wenn die betreffende Frau gerne angesprochen worden wäre, dann auch sie. Ein Verlust für beide!
Schwarzer hat mit dazu beigetragen, dass Frauen sich als Opfer fühlen dürfen, wenn ein Mann
sagt ‘Das Kleid steht Ihnen aber gut’, aber viele Arten von Gewalt gegen Männer weiterhin ignoriert werden. Wie viele Liebesbeziehungen hat sie erfolgreich verhindert? Wie viele Männer sind falschbeschuldigt oder sogar eingeknastet worden, oder sind sogar daran gestorben?! Sie hat ein vergiftetes Klima zwischen Männern und Frauen erzeugt, viele
Familien mit zerstört und vieles vieles mehr, was ein Feminismusexperte wie du sicher besser weiß oder recherchieren kann als ich.”

Mein Leser gehört zu einer Gruppe von Menschen beiderlei Geschlechts, die ich für mein 2006 erschienenes Buch “Unberührt” (nur noch als E-Book im Handel) befragt hatte. Es handelt sich dabei um Menschen ohne oder mit nur sehr wenig Erfahrung in Sachen Sexualität und Partnerschaft; die von ihnen selbst gewählte Bezeichnung lautet Absolute Beginner. In meinen Analysen konnte ich zeigen, dass die Ursachen dafür, dass manche Menschen ihr Leben lang einsam bleiben, zu einem großen Teil auf der individual-psychologischen Ebene ruhen, in der Regel auf bestimmten Erfahrungen (oder fehlenden Erfahrungen) in ihrer Kindheit und Pubertät. Aber es gibt auch gesellschaftliche Ursachen – Faktoren, die bei den Absoluten Beginnern besonders drastische Auswirkungen haben, letztlich aber sehr viele Männer beim Flirten beeinträchtigen. Zu diesen Faktoren gehört in der Tat auch die repressive Sexualfeindlichkeit des radikalen Feminismus, die viele Kontaktversuche von Männern nur als Form von “sexueller Belästigung” wahrnehmen und verteufeln kann, was dazu führt, dass diese Männer sich von Schuldgefühlen getrieben als geschlechtslose Wesen ohne jegliches Bedürfnis nach Intimität verhalten. Woraufhin sie bei der eigentlich sexuell begehrten Frau natürlich prompt auf der Kumpelschiene landen.

Die Verteufelung männlicher Sexualität, die von Schwarzer & Co. angestoßen wurde, führte zu der von dem Sexualforscher Volkmar Sigusch so bezeichneten “neosexuellen Revolution”, in deren Diskursen männliche Sexualität fast nur noch im Zusammenhang mit Ausbeutung und Gewalt auftauchte: sexuelle Belästigung, Missbrauch, Sextourismus, gefühlsloser Cybersex, “frauenfeindliche” Pornographie und dergleichen mehr. Das bleibt nicht ohne Folgen. “Die negative Konnotierung männlicher Sexualität macht diese – mehr oder minder auch in der Selbstwahrnehmung der Männer – zum Problem, wenn nicht gar zur Gefahr” erläuterte das wissenschaftliche Fachbuch “Sexualmedizin” (Urban & Fischer 2001) schon vor über zehn Jahren. In einer neueren Untersuchung des Leipziger Sexualwissenschaftlers Kurt Starke etwa “zeigte sich, dass schon 16- bis 17jährige Jungen im Zusammenhang mit sexuellen Themen von Versagens- und Kompetenzängsten geplagt werden, dass sie die sexuelle Begegnung mit einer Frau weniger herbeisehnen als oftmals geradezu fürchten, und dass sie die sexuelle Lust verlieren bzw. gar nicht entwickeln können. (…) Die Identifizierung männlicher Sexualität als Problem und (potenzielle) Bedrohung macht den Grenzgang, den Identitätswechsel, der für das erotische Erleben so zentral ist, für viele Männer zum Risiko.” Zuletzt leiden darunter beide Geschlechter.

Die mangelnde Empathiefähigkeit unserer Gesellschaft gegenüber Männern führt allerdings dazu, dass diese Probleme außerhalb der Männerrechtsbewegung (Maskulismus) kaum thematisiert werden. Stattdessen kommt es immer wieder mal zu einem Phänomen, das Medienwissenschaftler als “moral panic” bezeichnen und das sich dadurch auszeichnet, dass eine Gruppe von Personen als Bedrohung gesellschaftlicher Werte gezeichnet wird. Die letzte “moral panic” war die #Aufschrei-Hysterie Anfang 2013, bei der bösartige, triebhafte, mindestens aber sozial inkompetente Männer als allgegenwärtige Bedrohung des vermeintlich höheren, reineren Geschlechts Frau präsentiert wurden. “Für ganz viele Frauen ist es extrem schlimm, einfach schon auf die Straße zu gehen”, phantasierte beispielsweise Anne Wizorek, Initiatorin der #Aufschrei-Kampagne, als sie in der Sendung “login” auf ZDFinfo am 28.1.2013 mit Maximilian Pütz über dieses Thema diskutierte.

Natürlich funktioniert dieser Irrsinn nur in einer Gesellschaft, in der es erstens auch nach vier Jahrzehnten “Emanzipation” immer noch weit überwiegend als Aufgabe des Mannes betrachtet wird, mit einem Menschen des anderen Geschlechts Kontakt aufzunehmen, und zweitens in zahlreichen Medien ein abgrundtief negatives Bild von Männern gezeichnet wird. Die Aufschrei-Frauen und ihr Anhang scheinen nicht die geringste Bereitschaft zu haben, sich hier in die Situation von Männern einzufühlen.

Eine Frau, die sich diese Mühe gemacht hat, ist die lesbische amerikanische Journalistin Norah Vincent: Sie verkleidete sich ein Jahr lang als Mann und besuchte in dieser Zeit Bowlingclubs ebenso wie Strip-Bars, ein Kloster und eine Therapiegruppe. Über ihre Erfahrungen berichtete sie schließlich in ihrem Buch “Enthüllungen” (Droemer 2007). Was die Datingszene angeht, musste Norah Vincent feststellen, dass sie vor jeder Frau, mit der sie überhaupt nur näher in Kontakt treten wollte, zuerst einmal schaulaufen musste. Auch wenn die angeflirteten Damen selbst nicht viel zu bieten hatten, erhoben sie weitreichende Ansprüche, deren Erfüllungen sich oft gegenseitig ausschlossen: deutlich selbstbewusst, aber auf keinen Fall arrogant zum Beispiel. Besonders erschwert wurde dieses Schaulaufen dadurch, dass die von Vincent angesprochenen Frauen ihr zunächst mit unverhohlenem Missrauen begegneten und jedes Verhalten erst einmal gegen sie auslegten. Wo Männer, denen Norah Vincent als Mann begegnete, “ihm” erst mal unterstellten, dass er in Ordnung sei, solange er nicht das Gegenteil zeigte, unterstellten die Frauen erst einmal das Schlechteste: “Sie neigten dazu, in jedem Mann, den sie trafen, einen Wolf zu sehen, also machten sie aus jedem Mann, den sie trafen, einen Wolf – selbst wenn es sich bei diesem Mann um eine Frau handelte.” Vincent räumt ein, dass sie als Frau auf dieselbe Sichtweise konditioniert worden war: “Ich habe die Textsammlungen des radikalen Feminismus gelesen, und indem ich ihrer Führung folgte, glaubte ich, dass sämtliche Männer vom Patriarchat beschmutzt seien.” Jetzt, mit veränderter Perspektive, fiel ihr aber auf, wie zerstörerisch diese Sichtweise war. Die Feindseligkeit, mit der ihr all diese Frauen immer wieder begegneten, begannen, in ihr selbst feindselige Gefühle gegen jene Frauen auszulösen.

Die Aufschreihälse hingegen gingen die entgegengesetzte Richtung. Indem noch der zurückhaltendste Kontaktversuch und die kleinste Berührung als sexueller Übergriff gebrandmarkt wurde, sollte Männern nicht nur die bisherige schwierige Rolle überlassen bleiben, diese Männer sollten nicht nur die Gedanken der Frauen lesen können, wann ein Kontaktversuch wohl als willkommen und wann als Belästigung aufgefasst wurde, sie sollten sich die ablehnende Reaktion einer Frau innerlich am besten noch vor ihrem Kontaktversuch geben, so dass Frauen ihre Komfortzone auf keinen Fall für auch nur einen Moment verlassen müssen. Gerade schüchterne und unerfahrene Männer sowie Männer, die Frauen als höhere Wesen betrachten, springen darauf nur allzu bereitwillig an. Frauen statt zur Opferrolle lieber zu einer “Täter”-Rolle zu ermuntern, sie also aufzufordern, öfter mal Männer von sich aus selbstbewusst anzusprechen – davon ist der moderne Feminismus noch immer Lichtjahre entfernt.

So grotesk das von Wizorek präsentierte Bedrohungsszenario auch war, so begeistert stürzten sich zahllose Medien darauf, weil eine solche angebliche Bedrohung der öffentlichen Ordnung immer einen massiven Schub für Quote und Auflage verspricht. Über Sexismus gegen Männer solle nicht gesprochen werden, forderten die Aufschreihälse: Der zähle nicht, da wir in einem Frauen unterdrückenden Patriarchat leben würden. Diese Frauenunterdrückung sah konkret so aus, dass diese Gruppe von Radikalfeministinnen in zig Talkshows eingeladen und von zahllosen Zeitungen interviewt wurden, um für ihren Sexismus zuletzt auch noch mit dem Grimme-Preis geehrt zu werden. Die Schäden, die diese Hysterie bei Männern anrichtet, bleibt in denselben Medien bis heute ein Tabu. Und wer sich im Patriarchat tatsächlich für Männer einsetzt, sei es die Männerrechtsbewegung, sei es die Pick-up-Community, wird in den klassischen Medien ebenso wie im Internet dämonisiert.

So ist im Jahr 2014 Engagement für Männer zur neuen Counterculture geworden, zur neuen Gegenwelt derjenigen, die sich nicht anpassen und nicht von den Medien manipulieren lassen wollen. Und dieses Engagement steht auf zwei Beinen: Da ist zum einen die innere Transformation eines Menschen selbst zu dem Mann, der er sein möchte, zu der Form von Männlichkeit, mit der er sich wohlfühlt, statt die, die ihm von Menschen aufgezwungen wird, die sich für seine eigenen Bedürfnisse kein bisschen interessieren. Hierzu gehört Pick-up. Und da ist zum anderen der Versuch, die Außenwelt wieder zu einer Gesellschaft werden zu lassen, die Männern gegenüber freundlicher gesinnt ist. Das ist die Männerrechtsbewegung. Vielleicht ist für einen einzelnen Menschen Pick-up und für einen anderen die Männerbewegung wichtiger. Aber als Gesamtheit brauchen wir beide Beine, um gehen zu können. Denn die Gesellschaft draußen wirkt darauf ein, wir uns innerlich fühlen und wie wir uns als Einzelne verhalten. Und wie wir uns als Einzelne verhalten hat wiederum Auswirkungen auf unsere Gesellschaft insgesamt.

(Von Arne Hoffmann sind im Februar 2014 die Bücher “Not am Mann” und “Plädoyer für eine linke Männerpolitik” erschienen.)